Jun 082012
 

Definition

Der Begriff Art Brut steht in Zusammenhang zu Jean Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen, und stilistische Anlehnungen sind in seinem Werk unübersehbar. Oft werden fälschlicherweise Dubuffets eigene Werke als Art Brut charakterisiert, wichtiger ist jedoch die Verbindung zu seiner Tätigkeit als Sammler. Der Künstler betrachtete die Prägung Art Brut als sein geistiges Eigentum und behielt sich vor, sie eigenständig zu vergeben oder abzuerkennen, etwa im Falle von Gaston Chaissac. Dieser Alleinvertretungsanspruch sowie die Eingrenzung auf seine eigene Sammlung – die Collection de l’art brut – wurden schon früh von André Breton und später Harald Szeemann kritisiert. Michel Thévoz und Lucienne Peiry, die Kuratoren der Sammlung in Lausanne, lassen Art Brut als Stilbegriff weiterhin ausschließlich für diese Werke gelten und stellen ihn damit in Konkurrenz zu anderen Bezeichnungen für marginalisierte künstlerische Ausdrucksformen: „Bildnerei der Geisteskranken“ (Hans Prinzhorn), „Zustandsgebundene Kunst“, „Naive Kunst“. Trotz ihrer Offenheit und Unschärfe hat sich die Bezeichnung Art Brut international durchgesetzt und wesentlich zur Anerkennung marginalisierter Kunstformen beigetragen.

In den anglo-amerikanischen Ländern ist neben der Bezeichnung Outsider Art, die vom englischen Kunsthistoriker Roger Cardinal eingeführt wurde, außerdem Visionary art und Self-taught art verbreitet. Insbesondere nach der umfassenden Wanderausstellung Outsiders, die Cardinal gemeinsam mit dem Künstler und Sammler Victor Musgrave 1979 für das Arts Council of Great Britain organisiert hatte.

Einher mit diesem kulturellen Anerkennungsprozess ging in den letzten Jahrzehnten die intensive und erfolgreiche Förderung von künstlerischem Arbeiten zu therapeutischen Zwecken, etwa durch den Psychiater Leo Navratil im Künstlerhaus Gugging in Klosterneuburg bei Wien oder durch La Tinaia – Centro di Attività Espressive in Florenz. Mittlerweile spezialisiert sich ein eigenes Segment des Kunsthandels für Art Brut bei internationalen Messen, zum Beispiel die Kunstköln oder die New Yorker Outsider Art Fair. Außerdem erscheinen regelmäßig Magazine, etwa die englische Zeitschrift Raw Vision, die sich auf Art Brut beziehen. Seit 2000 gibt es den Euward, den Europäischen Kunstpreis Malerei und Graphik für Künstler mit geistiger Behinderung.

Collection de l’Art brut

1947 gründete Dubuffet mit einem Kreis von Gleichgesinnten, unter anderen dem Surrealisten André Breton, in Paris die Compagnie de l’Art brut, deren Ziel es war, alternative Kunst zu dokumentieren und zu sammeln. Im Untergeschoss der Pariser Galerie von René Drouin kam es zu Einzelausstellungen mit Werken von Adolf Wölfli, Aloïse Corbaz und anderen.

Im Jahr 1949 wurden dort 200 Werke von 63 Künstlern unter dem Titel Art brut préferé aux arts culturels präsentiert. Im Katalog definierte Dubuffet die Art Brut als subversive, alternative Kunstform abseits der erstickenden „kulturellen Künste“. In diesem als Manifest konzipierten Text betonte er auch, dass Art Brut jenseits kultureller Normen nicht automatisch identisch mit psychopathologischen Schöpfungen ist: „Wir sind der Ansicht, dass die Wirkung der Kunst in allen Fällen die gleiche ist, und dass es ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken.“

1951 löste Dubuffet den Verein auf und verlegte die Sammlung nach East Hampton in die USA, wo sie der Künstler Alfonso Ossorio betreute. 1962 kehrte sie nach Paris zurück und wurde 1967 im Museum Musée des Arts décoratifs ausgestellt.

In den folgenden Jahren wuchs die Anzahl der Werke beträchtlich. 1971 schenkte er seine mittlerweile auf 4.100 Objekte von 135 Künstlern angewachsene Sammlung der Stadt Lausanne, wo sie seit 1976 in einem öffentlichen Museum, der Collection de l’art brut, ausgestellt wird. Gründungsdirektor war Michel Thévoz, danach wurde das Museum bis 2011 von Lucienne Peiry geleitet. Seit 2012 ist Sarah Lombardi Direktorin des Museums.

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