Art Brut

 

Art Brut (franz. f√ľr ‚Äöunverbildete, rohe Kunst‚Äė) ist ein Sammelbegriff f√ľr autodidaktische Kunst von Laien, Kindern und Menschen mit geistiger Behinderung. Die Bezeichnung ging vom franz√∂sischen Maler Jean Dubuffet aus, der sich eingehend mit einer naiven und antiakademischen √Ąsthetik besch√§ftigte. Art Brut ist weder eine Kunstrichtung noch eine Stilbezeichnung, sondern beschreibt eine Kunst jenseits etablierter Kunstformen und -str√∂mungen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum ist stattdessen der Begriff Outsider Art (‚ÄěAu√üenseiter-Kunst‚Äú) gebr√§uchlich.

Im deutschsprachigen Raum ver√∂ffentlichte der Psychiater Walter Morgenthaler bereits 1921 sein Buch √ľber Adolf W√∂lfli Ein Geisteskranker als K√ľnstler, das erstmals einen an Schizophrenie leidenden Patienten als K√ľnstler ernst nahm.

Definition

Der Begriff Art Brut steht in Zusammenhang zu Jean Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen, und stilistische Anlehnungen sind in seinem Werk un√ľbersehbar. Oft werden f√§lschlicherweise Dubuffets eigene Werke als Art Brut charakterisiert, wichtiger ist jedoch die Verbindung zu seiner T√§tigkeit als Sammler. Der K√ľnstler betrachtete die Pr√§gung Art Brut als sein geistiges Eigentum und behielt sich vor, sie eigenst√§ndig zu vergeben oder abzuerkennen, etwa im Falle von Gaston Chaissac. Dieser Alleinvertretungsanspruch sowie die Eingrenzung auf seine eigene Sammlung ‚Äď die Collection de l’art brut ‚Äď wurden schon fr√ľh von Andr√© Breton und sp√§ter Harald Szeemann kritisiert. Michel Th√©voz und Lucienne Peiry, die Kuratoren der Sammlung in Lausanne, lassen Art Brut als Stilbegriff weiterhin ausschlie√ülich f√ľr diese Werke gelten und stellen ihn damit in Konkurrenz zu anderen Bezeichnungen f√ľr marginalisierte k√ľnstlerische Ausdrucksformen: ‚ÄěBildnerei der Geisteskranken‚Äú (Hans Prinzhorn), ‚ÄěZustandsgebundene Kunst‚Äú, ‚ÄěNaive Kunst‚Äú. Trotz ihrer Offenheit und Unsch√§rfe hat sich die Bezeichnung Art Brut international durchgesetzt und wesentlich zur Anerkennung marginalisierter Kunstformen beigetragen.

In den anglo-amerikanischen L√§ndern ist neben der Bezeichnung Outsider Art, die vom englischen Kunsthistoriker Roger Cardinal eingef√ľhrt wurde, au√üerdem Visionary art und Self-taught art verbreitet. Insbesondere nach der umfassenden Wanderausstellung Outsiders, die Cardinal gemeinsam mit dem K√ľnstler und Sammler Victor Musgrave 1979 f√ľr das Arts Council of Great Britain organisiert hatte.

Einher mit diesem kulturellen Anerkennungsprozess ging in den letzten Jahrzehnten die intensive und erfolgreiche F√∂rderung von k√ľnstlerischem Arbeiten zu therapeutischen Zwecken, etwa durch den Psychiater Leo Navratil im K√ľnstlerhaus Gugging in Klosterneuburg bei Wien oder durch La Tinaia ‚Äď Centro di Attivit√† Espressive in Florenz. Mittlerweile spezialisiert sich ein eigenes Segment des Kunsthandels f√ľr Art Brut bei internationalen Messen, zum Beispiel die Kunstk√∂ln oder die New Yorker Outsider Art Fair. Au√üerdem erscheinen regelm√§√üig Magazine, etwa die englische Zeitschrift Raw Vision, die sich auf Art Brut beziehen. Seit 2000 gibt es den Euward, den Europ√§ischen Kunstpreis Malerei und Graphik f√ľr K√ľnstler mit geistiger Behinderung.

Collection de l’Art brut

1947 gr√ľndete Dubuffet mit einem Kreis von Gleichgesinnten, unter anderen dem Surrealisten Andr√© Breton, in Paris die Compagnie de l’Art brut, deren Ziel es war, alternative Kunst zu dokumentieren und zu sammeln. Im Untergeschoss der Pariser Galerie von Ren√© Drouin kam es zu Einzelausstellungen mit Werken von Adolf W√∂lfli, Alo√Įse Corbaz und anderen.

Im Jahr 1949 wurden dort 200 Werke von 63 K√ľnstlern unter dem Titel Art brut pr√©fer√© aux arts culturels pr√§sentiert. Im Katalog definierte Dubuffet die Art Brut als subversive, alternative Kunstform abseits der erstickenden ‚Äěkulturellen K√ľnste‚Äú. In diesem als Manifest konzipierten Text betonte er auch, dass Art Brut jenseits kultureller Normen nicht automatisch identisch mit psychopathologischen Sch√∂pfungen ist: ‚ÄěWir sind der Ansicht, dass die Wirkung der Kunst in allen F√§llen die gleiche ist, und dass es ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken.‚Äú

1951 l√∂ste Dubuffet den Verein auf und verlegte die Sammlung nach East Hampton in die USA, wo sie der K√ľnstler Alfonso Ossorio betreute. 1962 kehrte sie nach Paris zur√ľck und wurde 1967 im Museum Mus√©e des Arts d√©coratifs ausgestellt.

In den folgenden Jahren wuchs die Anzahl der Werke betr√§chtlich. 1975 schenkte er seine mittlerweile auf 15.000 Objekte angewachsene Sammlung der Stadt Lausanne, wo sie seit 1976 in einem √∂ffentlichen Museum, der Collection de l’art brut, ausgestellt wird. Gr√ľndungsdirektor war Michel Th√©voz, mittlerweile wird das Museum von Lucienne Peiry geleitet.

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